Geschichte 2000

Januar
Es hat geklappt! Wir waren pünktlich zum 30.12.1999 raus und in einer neuen Halle, die wir uns aber mit dem Carnival der Culturen teilen müssen. Deren Kostümdesigner fällt in Ohnmacht, als wir in der Halle die Motoren anlassen und schwarze Dieselwolken sein Kostümlager durchziehen. Seitdem dreht er seine Carnevalsmusik um 100 db auf, sobald wir die Halle betreten und entzündet Armeen von Räucherstäbchen, die uns zum K... bringen. Wer arbeitet lauter, duftender, staubiger? Der Chief brüllt zum ersten Mal in der Geschichte einen anderen an. Der verzieht das Gesicht und versucht es noch einmal, aber wehe, wenn der Chief rot sieht! Wer hätte das von ihm gedacht? Und dass er solche Worte kennt. Seit dem ist relative Ruhe in der Halle, aber niemand mag dort gerne arbeiten. Der gute Nachbar gibt zu, daß die Kinder ihn nerven. Interessant, denn er bekommt sein Geld vom Staat auch für Arbeit mit Kindern.
Viele alte Ubuntus haben sich von uns verabschiedet ... . Auch ein Ubuntu braucht nach fünf Jahren einmal Urlaub. So sind wir nur 56 in diesem Jahr und viel zu jung und viel zu klein für die viele Arbeit. "Es ist wie damals, am Anfang, als keiner wusste, wie es gehen wird und kann." Auch die Stimmung bei unseren Kleinen ist wie damals: freudige Begeisterung, mutige und manchmal tollkühne Absichten. Eine herrliche Rasselbande. Freude am üben und das stete Bemühen es besser und noch besser zu machen ... aber die Kräfte ... unsere erfahrenen Jugendlichen lassen manchmal die Köpfe hängen: Wie sollen wir das bloß schaffen? Und doch soll es losgehen.
Wer keine eigenen Kräfte hat, muß Aufträge vergeben, Neues kaufen und gut planen. So suchen wir wieder einmal günstige Dinge in ganz Deutschland. Zum Beispiel einen Ladekran für die neue Emma.

Februar
Marcel stellt im Februar seine Jahresarbeit an der Waldorfschule vor: Bau eines Circuswagens. Damit hat Ubuntu vier neue Wagen. Einen baut das Berufsbildungszentrum für Zimmerleute. So ist es uns versprochen. Wochen vergehen, nichts rührt sich, wir fragen nach: Keiner weiß was, aber es wird schon werden. Die Zeit vergeht. Nach Wochen fragen wir wieder nach; und nach weiteren Wochen wieder; und nach Wochen wieder ... Bringt her den Schei ... heißt es dann irgendwann und von da an ist einer von uns stets damit beschäftigt, Material und Maße hin und her zu fahren. Wir haben uns sehr darüber gefreut und sie haben sich viel Mühe gegeben. Danke. Jetzt sind es fünf.

Februar
Erinnern Sie sich? Emma I war eine wunderschöne MAN Zugmaschine, groß und stark, mit runder Haube und Allradantrieb. Leider hat sie uns nur zwei Jahre gedient, dann war ihr Motor so kaputt, dass die Fahrer hinter uns den Scheibenwischer einschalten mussten, um das Öl abzuwischen. Emma I war Schrott und stand aus Wehmut und Zuneigung immer noch auf unserem Platz. Die neue Emma kommt von der Post und war einmal ein Schneepflug. Rund 300 Stück sind von dieser Art gebaut. Magirus steht auf ihrer kurzen Schnauze und ein Ladekran soll 25000,- DM kosten. Wir finden in der berühmten letzten Minute einen für 15 und schlagen zu.
Damit stimmt unser Fuhrpark in diesem Jahr, denn wir haben nicht einmal genug Fahrer für die Trecker, also müssen manche Touren zwei- und dreimal gefahren werden. Zwei von uns sind bei jedem Umsetzen eine Nacht und einen halben Tag unterwegs.

März
Eine Sensation ist der Kostümwagen, der endlich aus dem Jumbo-Anhänger entstanden ist, der seit zwei Jahren bei uns war. 110 qm Kostümzelt auf Rädern und in einer Stunde aufgebaut.Sein Innenleben ist genau und gut durchdacht: sechs Schminkplätze, 12 Transportschränke für die rund 250 Kostüme, ein Medikamentenschrank, Heizung, gepolsterte Stauräume für die Musikinstrumente, eine Heizung, Licht, saubere Rollböden, usw ... usw ... . Zirkusleute beneiden uns und kommen immer wieder um zu plinsen (sprich: Ideen zu klauen).

Mai
In der Turnhalle tobt das Leben. Wir haben keine fremden Trainer, sondern "nur" alte Ubuntus, die plötzlich sehr gefordert und manchmal auch überfordert sind. Aber die Geschichte vom Ring der Harmonie erzählt wieder unsere eigene Entwicklung. Die meisten Dinge schaffen wir in Harmonie und auch sozialer Schönheit. Es ist eine Riesenfreude die frische Energie und Bereitschaft der Neuen zu spüren, den freundlichen Ton und den Feuereifer.

Juni
Trotz aller Bedenken und unfertigen Arbeiten geht es auf Tournee. Es wird unsere ruhigste und friedlichste. Die Großen arbeiten bis zum Umfallen und schaffen es jedesmal rechtzeitig fertig zu sein. Es ist eben ihr Zirkus und Ehrensache, daß er so ist wie er sein soll.
Am dritten Spielort wird der Toilettenwagen und die Küche bis nachts um drei noch gewaschen.
Das ist UBUNTU: vielleicht nicht immer pünktlich, aber letztlich doch schön auch im drumherum.
Die Nacht nach Gütersloh wird der Albtraum aller Fahrer. Auf regennasser Fahrbahn rammt ein Pkw ein Treckergespann von der Seite. Der Mannschaftswagen wird zum Totalschaden, da der Rahmen in S-Form verzogen ist. Per Handy gehen die Katastrophen- und Schockmeldungen eine Stunde hin und her, bis wir wirklich wissen: keinem Fahrer ist etwas passiert! Emma II muß ihre erste, überlange Nachttour abbrechen und zu Hilfe kommen. Vier Stunden brauchen wir um das Gespann von der Straße zu bekommen. Die Polizei erweist sich wieder einmal als Freund und Helfer dieses Zirkus und sperrt die Straße und wartet geduldig ... . Vier Stunden Arbeit in strömendem Regen an einem zerstörten Wagen zwischen verstörten Fahrern. Mit dem Wissen, daß dies unsere längste Strecke ist und wir die Betten dieses Wagens unbedingt brauchen. Tränen und Zornausbrüche wechseln sich ab. Aber wieder haben wir Glück, nach 24 Stunden rollt der Wagen vorläufig wieder. Zimmerleute, Schmied und Schlosser haben einen Tag gebraucht, und mit etwas Glück hält er diese Tournee durch. Das tut er auch wirklich! Schief und krumm quält er sich über 700 km und ist für 8 Menschen ein trockenes Zuhause. Danke an die Vielen, die dazu beigetragen haben.

Juli
Elmshorn wird der Albtraum für die Seiltänzer. Wieder einmal reißt ein Zugseil während des Aufbaues. Der mörderische Knall und die umstürzenden Podeste schaffen Angst und Schrecken, der allen in die Glieder fährt und dort für einige Zeit sitzen bleibt. Tränen fließen in Strömen - noch vier Stunden bis zur Vorstellung! Und natürlich machen alle dort ihre Nummer. Das ist Ehrensache.
Mit Elmshorn verbindet sich auch unsere erste Erfahrung mit dem Schiff. Alle Gespanne fahren mit der Fähre. Ein herrliches Bild, das auch die Fährleute begeistert. Eine Meisterleistung wird die Verladung von Emma II, denn sie macht ja zwei Touren und zieht zwei Wagen und mit jedem Wagen muß sie einen Container befördern. Eine tolle Aufgabe: Den ersten Wagen und ersten Container aufs Schiff, Überfahrt, runter vom Schiff, Wagen abhängen, Kranstützen ausfahren, Kran ausfahren, Spanngurte lösen, Container anhängen, abheben, absetzen, Kran einfahren, Stützen einfahren, Gurte und Haken verstauen, wenden, wieder aufs gleiche Schiff, Überfahrt, runter vom Schiff, Wagen anhängen, Kranstützen ausfahren, Container anhängen, anheben, absetzen, Spanngurte ansetzen, spannen, Kran einfahren, Stützen einfahren, Gurte und Haken verstauen, wenden, wieder aufs gleiche Schiff, ... und das in jeweils neun Minuten! Fährleute und Fahrer haben ihren Spaß. Für die Ubuntus wieder etwas, was eigentlich unmöglich ist: geschafft!
Das ist die Stimmung der ganzen Tournee. In Ottersberg fragt jemand, was der Kran denn gekostet hat und wieviel noch fehlt. Der Chief stammelt. Ja wieviel fehlt denn noch? Dreitausend! Minuten später bekommt er einen Scheck über diese Summe in die Hand gedrückt. Danke, Danke, Danke!
Das schlechte Wetter dieses Jahres hat uns sehr geholfen - oder hat es sich rumgesprochen, daß Ubuntu gut ist- denn unser Zelt war immer voll und sehr oft ausverkauft. Diese Tournee verläuft wirklich ruhig und still, friedlich und ohne große Pannen. Na, nicht ganz: Auf der Rückfahrt erlebt ein Gespann den Schreck seines Lebens. Mitten auf einer ruhigen Landstraße fährt die Iveco mit dem Caféwagen still vor sich hin, das Wetter ist sonnig und trocken, die Stimmung locker und entspannt. Plötzlich gibt es einen Knall, Geschepper und Gepolter. Im Rückspiegel sieht der Fahrer, das sich die Straße mit irgendwelchen sperrigen, wirbelnden, funkensprühenden großen Teilen füllt. Der Anhänger springt, rumpelt und schrebbelt. Weltuntergang? Reifen? Wagen in sich gebrochen? Wer fährt hinter uns? Anhalten, Warnblinker, aussteigen ... Und da liegt er dann ... der Kellerkasten hat sich aus seiner Verankerung gelöst und seinen Inhalt, Getränkekisten, Gartenstühle und -tische, Seile und Werkzeug komplett auf der Fahrbahn verteilt. Zum Glück konnte das Auto hinter uns rechtzeitig ausweichen!

August
Alle Gespanne sind wohlbehalten von der Tournee in unsere Halle zurück gekehrt. Alexander macht noch einen Rundgang und traut seinen Augen nicht: Unsere schöne, mühsam restaurierte Mercedes-Zugmaschine - kaum ein Jahr gebraucht - ist in einer stillen Sommernacht in Flammen aufgegangen. Brandstiftung. Schaden: 16.000,-DM. Der Planenaufl ieger steht daneben, bleibt fast verschont, nur die Plane verschmort. Schaden 2.500,- DM.

September
Ein Gutachter nimmt unseren „Unfallwagen“ in Augenschein, der Unfallhergang wird rekonstruiert.

Oktober
Im Herbst spielen wir wieder in Hannover im neuen Zelt des Projektes von Manfred Schütz an der Waldorfschule Bothfeld. Dann zum endgültigen Saisonschluss noch einmal in Bielefeld. Ein Teil unserer Wagen steht von nun an unter freiem Himmel im Regen, Schnee und Hagel, gerade eben durch einen Bauzaun geschützt. Ab und zu müssen wir alles räumen, wenn unser Gastgeber das Gelände braucht. So fahren wir alles für drei Tage irgendwohin, dann holen wir es wieder. Wegen dieser Fahrten müssen alle Fahrzeuge angemeldet bleiben, Steuer und Versicherung kosten ein ...geld. Einige Wagen werden uns aufgebrochen, andere verwüstet, alle mit Farbe beschmiert. Unsere Werbeente wird aufgeschlitzt und innen mit Öl versaut, Schaden: 2.500,- der kleine Pkw-Anhänger wird aufgeschlitzt, Schaden: 800,- DM. Und wir finden keine neue Halle, die wir uns leisten können.

November
Im Oktober haben wir über 120 Anmeldungen für das nächste Jahr, aber intern so viele Fragen an die Zukunft, dass wir erst im Dezember mit den Gesprächen anfangen werden. Unser Chief will und wird nach sechs Jahren zurücktreten! Wie kann und soll es weitergehen, wo brauchen wir ihn und keinen anderen, wo können wir ihn entlasten, wer übernimmt welche Aufgaben, wer ist kompetent, wer wird kompetent, welche Strukturen haben, brauchen, suchen wir? Viele Fragen, viele Meinungen, viele Argumente und endlose Gespräche ... Wir haben Wege gefunden, der Chief bleibt dabei, aber soll nur noch ein Drittel dessen tun, was früher war ... ob er das schafft? ... ob wir das schaffen?