Geschichte 1995

1. Januar
Zwölf Erwachsene der Christengemeinschaft in Bielefeld beraten seit Wochen ein neues Projekt: Etwas so Ungewöhnliches soll es sein, daß alle Beteiligten völlig neue Erfahrungen mit sich selbst und den Anderen machen können. Durch Vermittlung eines Hamburger Pfarrers besteht die Möglichkeit ein Zirkuszelt zu leihen. Gegen 23.30 wird der Beschluss gefasst: Wir machen Zirkus. Was das bedeutet, weiß niemand, hat niemand je gemacht. Aber: Wir werden es tun!

13. Januar
Nicht nur Zirkus, sondern auch ein Märchenzelt wird geplant. Wir träumen von lockeren Ferien mit ein bißchen Arbeit und Kultur.

18. Januar
Ein erstes Gespräch mit dem Zirkus über die Modalitäten: im Gespräch ein mulmiges Gefühl, Frage: Wissen wir, weiß der Andere was wir tun?

19. Januar
Es geht um große Summen.

26. Januar
Zirkus Mignon vermietet uns Zelt und Wagen.

30. Januar
Manfred Schütz/Hannover sagt die Trainingsleitung zu.
Wulf Saggau/Frankfurt sagt Regie und Dramaturgie zu. Außerdem ist er Sprachgestalter und da gibt es viel zu tun: Die Manege ist rund und wer kann schon im Kreis sprechen UBUNTU soll etwas anders sein als ein normaler Zirkus. Es soll eine Rahmenhandlung geben, etwas, was unsere artistischen Unzulänglichkeiten auffängt - etwas wie ein modernes Märchen.

12. Februar
Die Arbeit an der Geschichte "Die Geschichte im Circus UBUNTU" beginnt.

25. Februar
64 Kinder erscheinen zum ersten Training. Die ersten Menschen im Umkreis erklären uns für völlig verrückt.

4. März
Nr. 1 der CirCuZei(tung) erscheint. Die Geschichte ist fertig und bekommt einen Namen: "Rubina"

13. März
Drei Künstler stellen ihre Arbeit für ein Plakat zur Verfügung.

14. März
Immer wieder stellen Freunde und Mitfahrer Geld zur Verfügung. Die Gemeinde übernimmt eine Risikobürgschaft über 20.000 DM.

22. April
Die Geschichte wird den Artisten vorgestellt. Wir sind sehr gespannt, ob sie den Artisten gefällt. Das tut sie: 12 melden sich für die Titelrolle.

29.April
Die Tourneeorte liegen fest. Wir wollen nach Schleswig-Holstein, die Luft, der Himmel, die See locken uns ... und die Urlauber mit Zeit. Zum Glück gibt es Freunde; einer davon stellt uns das erste Programmheft zusammen, besorgt einen Fotografen, sorgt für alles was damit schon was ein Proof ist?

1. Mai
Circus Mignon hat eingeladen, wir sollen doch mal sehen, wie man ein Chapiteau aufbaut.

5. Mai
Die Lichtanlage wird konzipiert und gebaut. Die Stative entstehen im Garten hinter dem Haus, was die Presse zum ersten Bericht lockt.

16. Mai
Das Plakat ist entstanden, mehrfach angeschaut,geändert und geht in Druck. Wie viele braucht man wohl? Mit 10.000 sind wir gut beraten - sie halten drei Jahre. Die gleiche Zahl Handzettel reicht vorn und hinten nicht; dafür haben wir einige Programme zuviel.

21. Mai
Alle sind geschminkt im Kostüm zum Fotografen.

5. Juni
UBUNTU feiert Pfingsten.

11. Juni
Die Ereignisse und Entscheidungen beginnen sich zu überstürzen: Requisiten, Geräte, Zelte, Bänke, Tische, Kocher, die Fahne, Busse und Bustransfers, Prüfen aller Fahrräder, Schulung und Übung in Kolonnenfahrt, Training, Proben, Musik, Schminke, Abschminke, fehlendes Geld, Werbung, Improvisationen noch und nöcher ...

8. Juli
In Hamburg übernehmen wir Zelt und Wagen. Unsere erste Tournee beginnt mit einem Fiasko: Alle LKW sind zu klein, wer staut wie was, wo soll das alles nur enden? Wichtige Menschen "outen" sich.

13. Juli
UBUNTU feiert Premiere in Bielefeld. In der zweiten Vorstellung macht ein Zuschauer darauf aufmerksam, dass die Sitzreihen langsam zusammenbrechen - Vor laufenden WDR-Kameras, mit einem BILD-Reporter im Zelt gelingt es - während der Vorstellung - alles wieder gerade zu ziehen. Während der dritten Vorstellung geht ein Unwetter nieder - um die Kostüme sauber zu halten, werden die Artisten zur Manege getragen; die Rondellstangen und das Gradin versinken im Matsch. Diese Großwetterlage wird in den folgenden Jahren für UBUNTU in Bielefeld typisch, man kann sich darauf verlassen: Packt UBUNTU sein Zelt aus, gibt es Unmengen von Regen, überlaufende Keller, usw.

16. Juli
Tourneestart durch sechs Städte in Schleswig-Holstein. Ab 22.00 Uhr wird gepackt. Ein 12m Auflieger ist schneller voll als gedacht. Der Schreckensruf, der Wagen sei völlig überladen und hänge auf der Achse, bringt alles zum Stillstand. Nach einer halben Stunde wird der Fahrer geweckt und klärt uns auf. Luftfederung pumpt den Wagen erst mit laufendem Motor hoch. Trotzdem müssen wir in dieser Nacht einen zusätzlichen Lkw mieten. Um 6.30 Uhr ist alles fertig. Die Bielefelder Freunde räumen den Platz hinter uns auf. Wir können los ...
In Kronshagen empfängt uns ein Unwetter, Stunde um Stunde vergeht, ohne dass wir mit dem Aufbau beginnen können.
Die Artisten sitzen im LKW auf der Ladung, Frau Braun organisiert und schmiert Brote, die dann durch das Halbdunkel des Wagens von Hand zu Hand wandern, bis sie einen Empfänger finden. Gegen Abend bemerken wir, dass wir die Schlafzelte in Hamurg vergessen haben. Das freundliche Team von Mignon bringt sie nach und lächelt über unser Chaos.
22 Presseberichte; 2 TV-, 1 Radiosendung. Till Haase - der Pfarrer - will uns mal sehen ... und bleibt bei uns.
In Sierksdorf hängt die Tournee an einem seidenen Faden: Der entscheidende Haken der Seilanlage verbiegt beim Spannen! 2 Tonnen Zugkraft können jeden Augenblick das Stahlseil durch die Manege peitschen. Der Chief hat es im wahrsten Sinne des Wortes um Haaresbreite noch bemerkt. UBUNTU der ganze Circus dankt dem Circusengel.
Nicht dankbar sind wir dem, der die Routen für die Trecker festlegt, er hat - völlig logisch - kleine Wege vorgesehen, die sich manchmal aber als Radwege herausstellen. Der Troß fährt sich fest und braucht 2 Stunden, um die langen Wagen zu wenden. Den Preis für den schönsten Platz bekommt Kellenhusen, nur 30m trennen uns von der Ostsee. Jeden Abend wird der Seewetterbericht abgehört: Es könnte ja Sturm geben. Wir schaffen die erste Tournee ohne ernsthafte Zwischenfälle.
In Bielefeld erwartet uns ein Berg von Post der Gäste.

August
Irgendwo auf einer Straße taucht ein Schriftzug auf: UBUNTU lebt weiter.
Langsam aber sicher wird den Verantwortlichen klar, daß es wirklich so sein muss; die Kinder und Jugendlichen wollen weitermachen. Eigentlich wollten wir jetzt Schluss machen, denn es ist wahr: Wir sind verrückt. Eine Tournee ist eine einzige Strapaze, eine Qual ohne Schlaf, ohne Bett, ohne geregelte Mahlzeiten, eine Strafe, eine Dummheit, ein Leben mit der steten Frage was passiert als Nächstes, was platzt, versagt, stinkt, brennt, versinkt, weht weg, ist nicht zu reparieren ... . Unsere Tournee ist eben etwas so Großartiges und Schönes, dass sich (fast) alle einig sind: Es kann weitergehen.

2. Oktober
Drei Abschlussvorstelllungen in Bielefeld - alle ausverkauft. Die zwölfjährige Farina schenkt uns ihren Zirkuswagen.

November
Die Kinder und Direktoren beschließen die Tournee für 1996. Die Arbeit an der neuen Geschichte beginnt. Die Techniker suchen Wagen und Zugmaschinen quer durch Deutschland. Die zwei ersten Trecker werden gekauft. "Farina" unser erster Zirkuswagen bricht völlig zusammen.

Dezember
Darlehen und Spenden ermöglichen den Auftrag für das eigene Zelt. Die Warteliste zeigt 114 Teilnehmer. Wir müssen beschließen: Nicht mehr als 100 Mitfahrer. "Emma" - die Zugmaschine - kommt. Drei Sattelauflieger und eine Zugmaschine werden gekauft.